Bitte nicht stören!

Ich kann mich noch erinnern, dass in meiner Kindheit Menschen einfach so vorbeigekommen sind. Es hat geklingelt und -plopp- waren sie da. Ohne vorherige Anmeldung, ohne Vorwarnung, ohne Anruf, ohne langes Whats-App-Geschreibe. Sie waren in der Gegend und sind vorbeigekommen. Oder sie hatten eine Frage. Oder sie wollten einfach mal Hallo sagen. Einfach so. Plopp.

Mein Opa hatte eine einfache Regel dazu: „Gieß Wasser zur Suppe, heiß jeden willkommen“. Solange mein Opa lebte war das ganz klar. Und wir Kinder fanden das toll, wir haben uns über jedes Plopp gefreut!

Heute, so 40 Jahre später, leben wir in einer Bitte-nicht-Stören-Gesellschaft. Niemand kommt mehr einfach so vorbei, und wenn das passieren würde, wären wir fast alle eher unamused. Wir sind ja so beschäftigt. Wir haben soviel zu tun und sind nicht vorbereitet auf Besuch. Selbst wenn es nur auf einen Kaffee ist. Das muss geplant werden, dafür muss geputzt werden und dafür muss extra eingekauft werden. Und die Kinder müssen auch zum Sport oder so, da sind noch andere Termine und überhaupt und so. Bitte nicht stören!

Was ist mit den Menschen passiert? Sie fühlen sich gestört, wenn Regeln nicht passgenau eingehalten werden, sie fühlen sich gestört, wenn jemand zu laut atmet, sie fühlen sich gestört, wenn die Blumen zu hoch wachsen und sie fühlen sich gestört, wenn man die Kinder hört und nicht nur sieht. Sie fühlen sich gestört, wenn es an der Tür klingelt und wenn jemand davorsteht, vor der Tür mit dem großen Bitte-nicht-stören-Schild, dann gerät die ganze Welt ins Wanken. Was will der jetzt von mir? Muss ich jetzt was machen? Hab ich was falsch gemacht? Was ist passiert? Muss ich jetzt was machen? Noch ein neuer Termin im vollen Kalender? Hab ich was vergessen? Muss ich jetzt etwa Kaffee kochen?

Bitte nicht stören hat auch Auswirkungen auf Social Media. Socializing – ich glaube das ist mit den Social Media abgeschafft worden oder umdefiniert worden. Da gibt es ganz klare nicht-stören-Regeln und andere Regeln, an die sie ungeschrieben jeder halten sollte, der da mitspielen möchte. Die früheren Abstand-Nähe-Regeln wurden mit den Social Media umgeschrieben und niemand kennt die neuen Regeln. Vielleicht gibt es auch zu viele davon, aber definitiv heißt eine: Bitte nicht stören. Auf gar keinen Fall zu nah treten. Auf gar keinen Fall die heiligen Kreise stören.

Social Media ist sehr zweischneidig. Auf der einen Seite „entblößt“ man Teile von sich, auf der anderen Seite hängt das große Bitte-nicht-stören-Schild. Und in der Mitte sagen dann die Persönlichkeitscoaches: Sei der, der du wirklich bist.

Wie können junge Menschen, oder überhaupt Menschen, noch herausfinden, wer sie wirklich sind? Ist das überhaupt noch möglich? Und was ist, wenn ich mit der Person, die ich glaub wirklich zu sein, ständig an diese Schilder stoße? Wenn ich ständig Schrammen davon trage von all diesen Schildern, die überall verteilt aufgebaut sind?

Auf meiner letzten Wanderung habe ich die Natur aufgesaugt. Dort leben Ameisen, Schnecken, Vögel, Blumen in allen Farben und Düften in einer wunderbaren Harmonie neben- und ineinander verschlungen. Eine Schnecke ist eine Schnecke und schneckt so vor sich hin während die Ameise ihr Ding macht. Die beiden sagen sich hier und da mal Hallo, und wenn die Ameise über den Schneckenschleim klettern muss geht sie nicht erstmal zur Schnecke und sagt ihr die Wacht an: was ihr denn wohl einfällt ihre Spur hier zu legen, das geht ja gar nicht. Nein, die Ameise klettert drüber oder baut daneben einen neuen Ameisenpfad. Jeder darf sein, was jeder eben ist. Alles strahlt Licht, Wärme, Harmonie aus, alles strahlt „Familie“ aus. Kein Bitte-nicht-stören-Schild. Kein Störe-meine-Kreise-nicht-Schild. Kein Unwille gegenüber Wesen, die anders aussehen, anders riechen, andere Sachen machen.

Ob wir Menschen das jemals lernen? Manchmal habe ich Hoffnung. Manchmal nicht. Es gibt so viele Menschen, die Kleinkriege anfangen, weil ihnen etwas an dem anderen nicht passt. Es gibt so viele Mädchen und Jungs, die nicht wissen, wie sie das sein können, was sie in sich fühlen, weil sie auf soviel Ablehnung stoßen. Wir leben in einer Welt der Ab-lehnung. Einer Welt des Ab-stands. Harmonie erfordert immer eine gesunde Nähe, kein Bitte-nicht-stören-Schild mit Abstandshalterung. Eine Anti-Plopp-Gesellschaft.

Gestern war ich einkaufen. Da war eine ältere Dame, die hat Menschen angesprochen. Einfach so. Plopp. Den einen hat sie erzählt, was für eine tolle Jacke sie hätten. Mir hat sie gesagt, was ich für eine tolle Handtasche ich hätte. Diese Frau war total nett. Aber alle haben sie angeschaut, als wäre sie verrückt. Sie hat einfach die Bitte-nicht-stören-Schilder der Menschen ignoriert. Sowas geht ja gar nicht! Da muss man doch drauf achten! Du darfst doch Menschen nicht einfach so ansprechen, wenn du über 13 Jahre alt bist. Bitte beachte die Bitte-Nicht-Stören-Schilder.

Ist ein Mensch, der diese Schilder nicht beachtet, gestört? Ich finde es toll, dass es Menschen gibt, die diese Schilder ignorieren. Ich wünsche mir mehr solcher Menschen. Die machen nämlich socializing in Reinform. Echtes socializing. Ohne Handy in der Hand. Einfach so. Einfach plopp.

Vielleicht klingelt es ja heute mal bei mir an der Tür. Einfach so. Einfach plopp.

Werde ich dann die Tür öffnen und mich freuen, dass ich einen Smalltalk halten kann, neben dem Bitte-nicht-stören-Schild, das da so rumbaumelt, an einem seidenen Faden??

Eure Susa