„Du musst doch nicht traurig sein“

Du brauchst doch nicht traurig sein„, höre ich Eltern zu ihren Kindern sagen.

Warum ist für viele Menschen die Traurigkeit so ein schwieriges Gefühl? So schwierig, dass wir sogar unsere Kinder konditionieren, dass sie nicht traurig sein sollen oder es „nicht brauchen“?

Warum ist es für viele Menschen so kompliziert zu trauern? Warum schieben sie es teilweise auf Jahre vor sich her? Und warum tut uns Trauer weh, warum macht sie uns Angst?

Vielleicht geht es hier um eine Art Fake-Wahrheit: Die Aussage, dass man um etwas in der Vergangenheit nicht traurig sein muss, weil man zu dem Zeitpunkt gar nicht anders entscheiden konnte, nicht anders handeln konnte. Das ist prinzipiell richtig, aber zu uns Menschen gehört es auch, sich zu verabschieden, und um etwas Trauer zu tragen. Wenn man dieses Gefühl dauerhaft von sich wegschiebt und immer zu sich selber sagt, dass es keinen Grund zur Traurigkeit gibt und dass alles gut so ist, fängt man an, die wichtigsten Gefühle, die uns ausmachen, wegzudrücken und das macht uns nachhaltig krank.

Auch Kinder lernen das schon: meine große ist elf Jahre alt, und im Moment lernt sie Trauer zu tragen. Sie findet kleine Insekten, die schon halbtot sind und versucht sie irgendwie am Leben zu halten. Das gelingt natürlich nicht sehr lange, und das ist ja auch gut so. Sie verabschiedet sich dann jeweils von diesen kleinen Insekten und trägt dabei wirklich Trauer – und bringt sie anschließend zurück zu Mutter Erde. Ich hab ihr extra dafür ein kleines Ritual erfunden, und das hilft ihr damit umzugehen. Natürlich macht sie das mit Absicht – ich habe das Gefühl, dass sie das gerade irgendwie braucht. Von außen betrachtet ist das vielleicht ein schräges Verhalten. Vielleicht sieht es für manche Menschen fast lächerlich aus.  Aber ich glaube, dass das in ihrem Leben gerade ein wichtiger Aspekt ist. Dass sie es lernen will, ganz unbewusst, Trauer zu tragen, sich zu verabschieden, und etwas zurückzugeben. Ans große Ganze. Diese Dinge sind ein Teil unseres Seins und die einfach wegzuschieben und so zu tun, als wäre alles gut und in Ordnung so ist einfach ungesund.

Ich trage Trauer, ich trage Trauer um meine Jugend, ich trage Trauer darum, dass ich in der Zeit so viele sehr unkluge Entscheidungen getroffen habe oder Entscheidungen gar nicht getroffen habe. Natürlich ist mir bewusst, dass ich zu der Zeit gar nicht anders konnte und wenn ich wieder zurück gehen würde, wieder im Körper und in dem Gedankengut einer jungen Frau stecken würde und vermutlich wieder genauso oder ähnlich entscheiden würde. Das ist mir schon klar!

Trotzdem trage ich Trauer. Trotzdem verabschiede ich mich von manchen Aspekten, und das ist für meinen Prozess des Ganzwerdens auch wichtig. Und wenn ich die Menschen um mich herum so beobachte und mit meinen Coachees so spreche, da fühle und sehe ich, dass wir da alle irgendwo gleich sind, jeder von uns möchte auch mal Trauer tragen und nicht einfach nur hören: das war auch gut so. Nein, war es nicht. Und das anzuschauen und ehrlich zu sagen, nein das war’s nicht, auch das ist wichtig und gehört zum Prozess. Es bringt gar nichts hier eine toxische Positivität zu leben und sich daran festzuhalten.

Doch, bitte, sei traurig! Bitte trage Trauer um Dinge, um Tiere, um Wesen. Trage Trauer um deine Stofftiere,  die du mal geliebt hast. Trage Trauer um eine Zeit, die dir durch die Finger geronnen ist, weil du vergessen hast, hinzuschauen. Trage Trauer, verabschiede dich und gib es zurück ins große Ganze. Genau dafür ist Trauer da: sie ist ein Teil eines Abschieds.

Trauer ist immer nur dann ungesund, wenn man nicht loslassen will. Wenn man die Trauer und die damit zusammenhängenden Dinge unendlich lange festhält und aus dem Trauer ein Leid wird. Auch das beobachte ich sehr häufig: dass Menschen sich an etwas festklammern, was einmal war. Deshalb auch die Sprüche „Früher war alles besser“. Dass es das nicht war, wissen wir alle. Aber wir wollen uns von dem Früher einfach nicht wirklich verabschieden. Wir möchten immer noch die Geschichten aus der Vergangenheit erzählen, in der wir entweder das Opfer waren (und somit können wir immer noch die Verantwortung an jemand anderen delegieren) oder in der wir den Helden spielten.

Die Trauer ist ein Abschiedsprozess, kein Lebensprozess. Und die Trauer gehört zu unserem Leben dazu genau wie viel uns Menschen die Atmung zum Leben wichtig ist. Die Trauer ist ein Gefühl, dass unsere Seele braucht auf dieser Erde. Trauer ist ein echtes und gefühltes „Auf Wiedersehen, schön, dass du da warst“. Und es ist so wundervoll, wenn man ein Ritual hat, ein Abschiedsritual, wo man das, wo man trauert, zurück gibt ans große Ganze. 

Trauer ist ein Prozess des Loslassens – und darf in jeder Form gelebt und gefeiert werden. Trauer ist nichts, was beängstigend ist oder weh tut. Und ich finde es ist an der Zeit, das allen Kindern zu sagen und mit ihnen gemeinsam auch Trauer zu tragen, wenn es einen Anlass gibt. Wenn ein Kind zu dir sagt:

Ich bin traurig!

dann hör hin! Es steckt sicher eine Geschichte dahinter und vielleicht kannst du mit dem Kind einen Moment Abschied nehmen und Danke sagen für das, was war. Damit vermittelst du dem Kind, dass Trauer in Ordnung ist und einfach ein Teil vom Leben – und dass sie weiterzieht und von etwas anderem abgelöst wird.

Wann warst du das letzte Mal traurig – und hast es einfach zugelassen, hingefühlt und auf Wiedersehen gesagt?

Deine Susa