Mach es wie der Löwe

Auszug aus dem Buch “Engel der Fülle”
[…] Man muss doch immer was tun, sonst gilt man als faul oder träge. Und es gibt auch immer was zu tun und man ist auch niemals fertig. Was für eine verzwickte Sache: es gibt immer was zu tun, und wenn ich den ganzen Tag von morgens bis abends was tue, gibt es noch immer was zu tun. Und wenn ich zwischendurch eine stundenlange Pause mache, gibt es noch immer was zu tun.

Warum machen die Menschen eigentlich so wenig Pausen? Der Mensch ist das einzige Säugetier, das die Pausen abgeschafft hat. Er arbeitet beinah unentwegt, sogar manchmal auch nachts und wird doch niemals fertig. Kein Wunder, dass es Burnout gibt. Gehen wir mal raus in die Natur: Die Tiere machen echt viele Pausen. Sie sind regelrecht faul manchmal. Nimm mal so einen Löwen: Der jagt ein- oder zweimal die Woche, frisst sich voll und dann liegt er da, unter einem Baum, und chillt. Stunden und Stunden. Stell dir mal einen Löwen mit Burnout vor, der die ganze Zeit wie irre durch die Gegend hetzt und Tiere jagt – und weil er so ausgebrannt ist, vor lauter Hetze und so, kann er die gar nicht mehr erledigen und fressen schon gar nicht, weil ihm ja auch schon ganz schlecht ist. Deshalb zäunt er die ganzen Tiere ein. Zack, gefangen, zack Zaun drum. Für später, wenn er Zeit hat. Außerdem ist er damit der reichste Löwe des Landes, weil er ja ganz viele Gazellen hat. Alles seins. Was machst du da, würde man fragen. Das macht doch gar keinen Sinn? Du frisst nicht, du hast Bauchschmerzen, es geht dir nicht gut, du bist schon ganz dünn und ausgelaugt. Ja, sagt er, aber ich habe Gazellen. Wenn wir das Beispiel am Löwen nehmen, grinsen wir. Was für ein Irrsinn. Ein Löwe, der Gazellen einzäunt. Aber bei uns Menschen ist genau dieses Verhalten „ganz normal“, oder? Wir hetzen und rennen, den ganzen Tag und die halbe Nacht, essen schlecht und trinken zu wenig oder zu viel vom Falschen, hetzen weiter, haben Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Gliederschmerzen. Werfen Pillen ein gegen die Schmerzen und machen weiter.

Was machst du da? Das macht doch gar keinen Sinn? Und für Gefühle haben wir keine Zeit und schon gar keine Lust darauf. Und man kann sie nicht komplett betäuben durch Ablenkungen wie Fernsehen, Partymachen oder Drogen. Sie kommen doch immer wieder und je länger ich sie betäube, desto stärker kommen sie wieder. Ist das nicht merkwürdig? Dass wir alles dafür tun, dass wir jung und ansehnlich bleiben und so wenig dafür, dass das auch ganzheitlich ist? Du müsstest doch viel weniger Hautcreme mit Nanopartikeln benutzen, wenn du dein Leben anlächelst und dich darüber freuen kannst. Wenn deine Gefühle dich nicht in die Grusel-Achterbahn jagen, sondern du gemeinsam mit ihnen Karussell fährst. Das ist das, was sie wollen. Aber du läufst weg, hin zur Grusel-Achterbahn. Immer, und immer, und immer wieder. Und während der Löwe chillst, zäunst du deine Gazellen ein. Für später. Falls es dann ein später gibt.

Du hast es letztens erst gesehen, als der Mann einer Freundin plötzlich ins Krankenhaus kam: das Herz. Es wollte einfach nicht mehr schlagen. Vielleicht hatte es keine Lust mehr auf diesen Irrsinn. Gazellen einzäunen macht so auf Dauer auch keinen Spaß, oder? Und es macht auf Dauer auch keinen Sinn. Es macht viel mehr Spaß mit ihnen zu spielen, zu springen und zusammen am Gras zu zupfen. Vielleicht ist es an der Zeit, Spaß zu lernen? Auf jeden Fall ist es an der Zeit, Zeit zu haben – für die richtigen Sachen. Für die wichtigen Sachen. Wie zum Beispiel durch Gefühle hindurchzugehen und zu schauen, was genau sie dir sagen wollen. Denn die Gefühle sind, wenn man so will, die vom Körper übersetzte Seelensprache. Deshalb sind sie so gut im Navigieren: Denn der Körper folgt dem, was die Seele möchte. Die Seele als reine Energie kann hier auf der Erde ohne einen Körper gar nichts machen. Und der Körper wäre ohne Seele nur eine Hülle und würde ebenfalls gar nichts machen. Zusammen sind sie ein geniales Team – und erst recht genial wird es, wenn beide wirklich zusammenarbeiten. Zusammen mit den Gefühlen als Navigatoren. […]