Siehst du schon – oder schaust du noch?

Heute morgen war ich bei Edeka einkaufen. Es war soviel los, wie man hier vom Dorf außerhalb der Besuchszeiten gewohnt ist und überall zwischen den Gängen parkten größere und kleinere Wagen und Transporteure beladen mit Waren aller Art. Gelaunte Menschen packten und eine sang sogar leise, das war wirklich toll. Gute Laune bei der Arbeit hebt die Stimmung um die Person herum, wusstest du das? Alle Menschen, die den Dunstkreis des gut gelaunten Menschen schneiden bekommen auch gute Laune. Musst du mal ausprobieren!

Als ich dann die Kasse passiert hatte und zum Ausgang ging saß dort ein älterer Mann – mit einem auffälligen Shirt und einem lustigen Hut. Er erinnerte mich ein bisschen an den Klinikclown in der Klinik vom kleinen Zauberer. Er lächelte nicht, sah auch nicht traurig aus. Er saß dort und sah wartend aus. Vor ihm stand ein schmaler Tisch, an dem ein Plakat hing: Spenden für krebskranke Kinder. Auf dem Tisch stand eine Spendendose und daneben lagen Flyer.

Krebskranke Kinder – mir zieht es immer ein bisschen in der Magengegend, wenn ich so etwas höre oder lese. Ja, ich bin natürlich auf dem Ohr auch sehr hellhörig durch den kleinen Zauberer. Nun, jedenfalls hab ich das letzte Kleingeld (was nicht sehr viel war, ich bin immer mit so wenig Bargeld unterwegs seit einer gewissen C++-Zeit) aus meinem Portemonnaie in meine Hand geschüttet und dann bin ich an den Tisch, hab Hallo gesagt und der Mann hat mit seiner recht lauten und recht wohlklingenden Stimme mit einem Guten Morgen geantwortet. Ich hab das Kleingeld in den Schlitz der Spendendose manövriert und dann zu dem wartenden Mann gesagt: Danke, dass sie das hier machen! Ich finde so etwas großartig! Sie sind klasse!

Es ist immer irgendwie spannend, wenn ein Mensch verlegen wird, weil er ein Kompliment bekommt. Ganz verlegen war der wartende Mann und sagte nur: Naja… Doch sagte ich, das ist großartig. Ich konnte sehen, wie er um einige Zentimeter nach oben wuchs. Ja genau.

Wisst ihr – ein Kompliment zu machen oder Danke zu sagen ist fast nie anstrengend. Und es passt so oft. Und die Menschen, die ein Danke bekommen oder ein Kompliment, fühlen sich vielleicht für ihr ganzes Leben in etwas Bestimmten bestärkt, sie zehren möglicherweise Jahre davon, dass jemand im “richtigen Moment”, wie man so schön sagt, die passenden Dankes- undoder Lobesworte für sie hatte. So viele Menschen machen jeden Tag ihre Arbeit. Sie stehen morgens auf, machen das, was sie zu Hause so machen oder machen müssen, fahren oder gehen zur Arbeit und tun dann da, was zu tun ist. Sie arbeiten jeden Tag und es kann sein, dass sie nie, niemals auch nur einmal Danke hören oder ein Kompliment bekommen. Und niemand von uns wartet je darauf, oder? Wir tun, was zu tun ist und tun es morgen auch, auch wenn niemand vorbeikommt und Danke oder Toll gemacht sagt. Wir machen es, weil es sein muss, weil es Pflicht ist oder naja, weil wir es eben machen. Und viele Menschen fühlen sich in ihrem Sein fast unsichtbar. Macht es einen Unterschied, ob ich nun da bin oder nicht? Ob ich tue, was ich tue? Wenn ich es nicht täte, wäre ein anderer an meiner Stelle hier. Warum bin ich hier? Das sind Fragen, die dann angeflogen kommen – manchmal mit einem Schwarm von Krähen begleitet.

Wir Menschen sind doch nicht nur hier zusammen auf der Welt, um uns aneinander zu ärgern, sich übereinander aufzuregen oder uns aneinander zu bereichern. Oder? Wir sind auch hier um uns gegenseitig toll zu finden, wertzuschätzen, uns wirklich anzusehen. Hast du heute die Menschen um dich herum wirklich mal angesehen? Oder schaust du durch sie hindurch? Wenn du einkaufen gehst – siehst du dort die Verkäufer-innen, die Packer-innen und alle, die da so herumwuseln? Ein bisschen im Hintergrund, immer darauf bedacht, die Kundschaft nicht zu stören? Wenn du woanders bist, beim spazieren vielleicht, siehst du die Menschen, die dir entgegenkommen? Oder schaust du an ihnen vorbei, durch sie hindurch?

Wir wissen ja alle, dass wir nicht alleine hier sind. Wir sind hier zu vielen, leben neben- und übereinander, manchmal auch durcheinander und nehmen uns so oft fast gar nicht wahr. Vielleicht würden wir uns mehr wahrnehmen, wenn man uns mal aus diesem gemeinsamen Wusel rausziehen und einsam in irgendeine Höhle setzen würde.

Es ist nicht schwer oder kompliziert, einen Menschen anzusehen, Danke zu sagen oder einfach nur zu lächeln. Unsere Worte sind unfassbar mächtig, und ein Danke kann den ganzen Tag eines Menschen schöner machen. Wir können uns gegenseitig mit Worten erhöhen, genauso wie wir uns in den Staub treten können. Dazu sind Worte fähig, wir wissen das alle.

Was hältst du davon, wenn du heute die Menschen um dich herum erhebst? Danke sagst an passender Stelle, lächelst an anderer Stelle. Schätze die Menschen um dich herum. Sie leisten alle ihren Teil, auch wenn es für dich vielleicht nach nicht viel aussieht. Sei freundlich, sieh die Menschen um dich herum an. Sieh sie wirklich an! Du selbst kennst den Unterschied, wenn du dich gesehen fühlst. Wenn du dich wertgeschätzt fühlst. Oder ob du genausogut auch ein Möbelstück sein könntest. Oder? Wie fühlt es sich an, wenn du weißt, du wirst wahrgenommen und wertgeschätzt? Oder wenn deine Anwesenheit und all deine Arbeit selbstverständlich ist und du ansonsten gern unsichtbar, Hauptsache praktisch sein solltest?

Lasst uns Menschen sein, die ihren Mikrokosmos ein bisschen schöner machen. Und wenn es nur ein halber Mikrometer am Tag ist. Lasst uns gegenseitige Wertschätzung leben, uns gegenseitig anschauen und wahrnehmen, was da wirklich ist. Vielleicht wird es uns alle überraschen, was dann passiert!

Hab´s fein! Deine Susa