Solidarität? Oder Willkür?

Wir leben in einem Land, wo – meistens – alles eine gewisse Ordnung hat. Morgens fahren die Busse zur Schule, wir haben ein Auto, was wir betanken können, die Geschäfte öffnen und schließen regelmäßig. Wir können Geld abheben und ausgeben – oder auch nicht. Wir können anziehen, was wir wollen und sagen, was wir denken. Wir sind nicht gezwungen uns etwas anzuhören, was wir uns nicht anhören wollen. Wir können die Nachrichten schauen, müssen wir aber nicht.

In dieser Welt gibt es Menschen, die würden zu diesem Lebenskonzept sagen: das ist Freiheit. Denn woanders in der Welt werden Frauen dafür ermordet, dass sie tragen, was sie wollen und in sehr viele anderen Orten auf dieser Welt darf man nicht einmal wirklich frei denken. Wir wissen das auch alle, oder? Denn wir sind ja so unfassbar fürchterlich aufgeklärt. Oft nur mit Halbwissen, aber wir sind aufgeklärt.

Heute morgen wurde ein Teil dieser Ordnung durch Willkür ersetzt. Als ich da in der Schlange vor Cuxhaven stand und es weder vor noch zurück ging habe ich darüber nachgedacht, was hier gerade passiert.

Im Vorfeld wurde darüber gesprochen „ein Zeichen zu setzen“. Und die Extremen sagen: „wir müssen der Ungerechtigkeit und der Drangsal ein Ende setzen“. Wenn man genauer nachfragt: welche Ungerechtigkeit und welcher Drangsal? Hast du deinen Job verloren, weil du eine Frau bist? Bist du enteignet worden? Wurdest du ins Gefängnis gesteckt, weil du anders denkst? Oh, nein. Die Drangsal liegt in dem Wegfall von ziemlich schlecht durchdachten Steuervergünstigungen gegenüber Privilegierten oder in der momentan eher schlecht funktionierenden Politik. Sind die sich drangsaliert Fühlenden aktiv in der Politik beteiligt und tun was gegen ihre so tief empfunden Drangsal? Nein. Weit gefehlt. Es geht also hier, wie so oft, nicht über die Stammtisch(politik)polemik hinaus. Und das, was dann noch an Argumenten angebracht wird kann man durch kurze Recherche widerlegen. Drangsal? Ungerechtigkeit? Ich frage mich, ob die Bedeutung dieser Worte in unserem Land verloren ging durch all die bequeme Kohl- und Märkel-„Wirsitzenallesausunddaswirdvonselbstwiedergutunddiedaobenmachendasdannschon“-Ära. Haben wir uns denn wirklich gar nicht weiterentwickelt?

Ich hab mich umgeschaut auf der Straße. Wie viele Politiker, die jetzt „das Zeichen gesetzt kriegen“ waren da vor und hinter mir in der Schlange? Gesehen habe ich vor allem Frauen aller Altersklassen, viele mit Kindern im Auto. Was ich nicht gesehen haben von den Blockade-Stellern war Menschlichkeit, Freundlichkeit, Güte und Miteinander. Solidarität bedeutet aber: Miteinander. Was ich auch nicht gesehen habe waren Menschen, die sich miteinander um den Tisch setzen und Dinge kommunizieren und darüber sachlich diskutieren. Was ich nicht gesehen habe war Toleranz und Händeschütteln.

Was für ein Zeichen setzt so ein Verhalten? Das Zeichen, dass man einfach mal eine Bevölkerung lahmlegen kann, wenn man will? Dass man vielleicht sogar andere Menschen verletzen kann, weil sie anders denken?

Wir sind hier in Cuxhaven und ich nehme an, dass hier nicht weiter viel passiert, als das ein paar irregeleitete Menschen viel Diesel hirnlos in den Himmel blasen und wichtige Ressourcen ausbeuten. Ich weiß aber auch, dass es an anderen Orten in diesem eigentlich so schönen Land anders aussehen wird. Ich weiß, wie Menschen sein können. Und welches Zeichen setze ich als Mensch, wenn ich anderes Hab und Gut zerstöre, wenn ich vielleicht sogar andere Menschenleben gefährde, weil ich mit meinem sehr gefährlichen Halbwissen und viel Wut im Bauch jetzt, heute, mal wirklich laut, ganz laut herausposaune, wo der „Hammer hängt“? Und wo genau hängt der sprichwörtliche Watzlawicksche Hammer heute? Ist die Gefährdung von Menschenleben wirklich im Sinne von Solidarität? Ist die Gefährdung der Jobs von meinen Mitmenschen wirklich das, was da heute erreicht werden soll?

Ein Zeichen setzen – ich bin ziemlich sicher, dass das geht.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass diese Art, die heute, am 8. Januar 2024 eingeschlagen wurde, nicht dazu führt, dass sich wirklich etwas verändern kann.

Solidarität – vielleicht darf man dieses Wort in der nächsten Zeit öfter lesen – und vielleicht gibt es endlich Menschen, die aufwachen und sich miteinander an den Tisch setzen, ihre Dieselklappen schließen und bereit sind ZUZUHÖREN und AUFEINANDER EINZUGEHEN.

Solidarität ist kein Hammer, mit dem ich ein Fenster einbaue. Solidarität beginnt mit Zuhören und endet mit einem friedlichen Kompromiss.

Ich hoffe auf weise Mitmenschen und weise Politiker, die das Wort umsetzen können – auf dass wir weiter in einem Land leben dürfen, wo woanders auf der Welt von „Freiheit“ gesprochen werden kann.

Ich wünsche euch einen wundervollen Portaltag!!

Eure Susa