Trauerweidige Liebes-Ansichten

Wenn an Tagen, an denen Regen gemeldet wird, Spaziergänge stattfinden, findet man unglaubliche Aussichten, überraschende Aussichten und neue Ansichten. Es kann passieren, dass Wolken aussehen wie lächelnde Rhinozerosse, große Muffins mit Flügeln oder wie einzelne Regentropfen. Es kann auch passieren, dass die Farben der Natur anderes überstrahlen und dass die Erdklunkern unter den Füßen lustige Geräusche machen.

Am Meer zu leben hat den immensen Vorteil, dass der – fast immer – pustende Wind Wolken gern mal wegpustet. Einfach so. Unvorhergesehen und unangemeldet. Da hilft keine App und kein Programm. Und die Wolkenbilder, die in dem kleinen, wunderschönen Ort an der Nordsee, in dem ich momentan glücklebe, sind einfach unglaublich. Der klare Himmel auch.

Pustender Wind hat außerdem noch den Vorteil, dass der sogar Gedanken wegpusten kann. So schwere Gedanken, die so vor sich hintrudeln und so klebrig sind irgendwie. Wie lästige Klofliegen, die auf einer eisverschmierten Hand im Sommer immer wieder landen und einfach nicht weichen wollen. Ein Spaziergang am Deich – und die Gedanken kriegen vom Wind neuen Auftrieb. Musst du mal ausprobieren! Für alle Schreiberlinge, die das noch nicht kennen: komm mal ans Meer, hier schreibst du mehr!

Wie dem auch sei, ich weiche vom Thema ab.

Kennst du die Trauerweide? Ich kann dir sogar sagen, warum die Trauerweide Trauerweide genannt wird. Das ist höchst spannend. Bist du bereit?

Die Trauerweide, oder auch “salix babylonica” ist bei uns in Deutschland eingewandert und erfreute sich ab dem 19. Jahrhundert steigender Beliebtheit. Salix bedeutet übrigens “schnell wachsen” – und wer schon einmal eine Weide gepflanzt hat weiß, dass das ein sehr passender Ausdruck für diese wundervolle Magie von Mutter Erde ist. Die Trauerweide wurde übrigens so genannt, weil ihre Haltung an die Physiognomie eines Trauernden erinnert – alles hängt runter sozusagen und neigt sich dem Boden zu.

Wenn ich damals dem Baum seinen Namen gegeben hätte, dann hätte ich ihn den Baum der Liebenden genannt. Seine herabhängenden Äste bilden nämlich ein gemütliches Nest um den Stamm und wirken beschützend um die, die sich an den Stamm halten. Die Farbe der Blätter ist beruhigend und die Form der Blätter im Sommer lässt den Wind wispernd hindurchstreichen, so dass die Erzählungen dieses Baumes besonders schön klingen.
Die Äste, die sich dem Boden zuneigen stehen für mich für Hingabe, und Hingabe ist in einer Liebesbeziehung (eigentlich in jeder Beziehung) eine unfassbar wertvolle Eigenschaft, die sich jeder Mensch zueignen sollte. Hingabe macht gegenseitige Unterstützung leicht und lässt auf ganz neue Wolken fliegen. Die weichen Konturen der Äste, die hin- und herschwingend durch den Tag gleiten, die weichen Konturen der Blätter – sie könnten für die Sanftheit und Anmut der Liebe stehen, und die Stärke und Standhaftigkeit des Baumstammes könnte Beständigkeit und Stärke der Liebe symbolisieren.
Eigentlich ist dies ein Baum der Gegensätze: der starke, beständige Stamm, umgeben von flügelleichten und sanften Ästen. Was für ein wundervolles Wesen! Vielleicht könnte diese Magie die Tiefe der Gefühle repräsentieren, die die Liebe in uns Menschen weckt.

Ich habe diesen Baum schon mein Leben lang geliebt. Wer weiß, vielleicht wurde ich in einem früheren Leben unter seinen schützenden Ästen geboren oder gezeugt? Oder habe andere Magie dort erfahren? Eine Weide jedenfalls hat ihre ganz eigene, wundervolle Magie und ich freue mich jeden Tag, wenn ich sie fühlen und sehen darf!

Heute übrigens ist das Wetter mit wechselhafter Bewölkung gemeldet. Ein perfekter Tag also um den Wind zu überprüfen.
Fair wind and a following see!

Deine Susa